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29. April 2025
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Das agile Unternehmen oder was tun, wenn der Käse verschwindet?

02 February, 2021

Agilität – kaum ein Begriff hat die Unternehmenswelt in den letzten Jahren so stark geprägt. Doch was steckt wirklich dahinter? Sind Unternehmen heute tatsächlich beweglicher, entscheidungsfreudiger und offener für neue Wege? Oder bleibt Agilität oft nur ein schillerndes Schlagwort, das in Präsentationen gut aussieht, in der Realität aber kaum gelebt wird?

Wenn der Käse verschwindet

Ein treffender Vergleich stammt aus dem bekannten Buch „Who Moved My Cheese?“ von Spencer Johnson. Darin geht es um Mäuse, die sich täglich ihren Käse aus einem bestimmten Vorratsschrank holen. Eines Tages ist der Käse verschwunden. Die Reaktion? Zwei der Mäuse machen sich sofort auf die Suche nach neuen Nahrungsquellen – sie passen sich an, sind bereit für Veränderungen. Die anderen hingegen bleiben, verharren und hoffen: „Der Käse kommt bestimmt wieder, wir müssen nur Geduld haben.“

Ein einfaches Gleichnis – aber mit enormer Aussagekraft. Es beschreibt exakt, wie unterschiedlich Unternehmen auf Wandel reagieren. Die einen erkennen, dass sich die Rahmenbedingungen verändert haben, dass alte Erfolgsrezepte nicht mehr greifen. Sie machen sich auf, probieren Neues aus, auch wenn es Unsicherheit bedeutet. Die anderen klammern sich an alte Gewohnheiten, Prozesse und Denkmuster – in der Hoffnung, dass es irgendwann wieder so wird wie früher.

Wenn Veränderung keine Option ist

So wünschenswert Agilität auch ist – für manche Unternehmen ist der Wandel schlicht nicht mehr möglich. Zu starr sind die Strukturen, zu sehr hängen Prozesse, Denkweisen und Kulturen an einer vergangenen Zeit. Hier hilft kein agiles Coaching mehr, kein Innovationslabor, kein Design Sprint. Diese Unternehmen stehen vor einer harten Realität: Sie können entweder weiter warten – und früher oder später untergehen. Oder sie wagen einen radikaleren Schritt.

Immer mehr Konzerne und Mittelständler gehen deshalb dazu über, neue, schlanke Unternehmen neben dem alten zu gründen – mit einer modernen Kultur, anderen Regeln, neuer Technologie und frischem Denken. Diese „Corporate Startups“ oder „Speedboats“ sollen das verkörpern, was das Mutterunternehmen nicht mehr leisten kann: Schnelligkeit, Mut, Lernbereitschaft. Im besten Fall wächst daraus ein neues Geschäftsmodell – im schlimmsten Fall bleibt das neue Unternehmen bestehen, während das alte langsam ausläuft.

Es klingt hart, ist aber realistisch: Manche Organisationen lassen sich nicht mehr retten. Sie können sich nur selbst überholen, indem sie etwas Neues schaffen.

Agilität beginnt im Kopf

Agilität bedeutet nicht nur, schnelle Meetings und flexible Teams zu haben. Es geht um eine grundsätzliche Haltung: Veränderung nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu begreifen. Viele Unternehmen bezeichnen sich selbst als agil – weil sie Scrum-Boards verwenden oder „Design Thinking“-Workshops veranstalten. Doch wenn am Ende immer noch die alten Hierarchien und Entscheidungswege greifen, bleibt von echter Agilität wenig übrig.

Agilität braucht Mut – zum Loslassen, zum Experimentieren, zum Scheitern. Und sie braucht Führungskräfte, die nicht nur Tools einführen, sondern tatsächlich Verantwortung abgeben können und wollen. Wer nur an bestehenden Strukturen rüttelt, ohne sie wirklich zu hinterfragen, wird den Käse nicht finden – er wird nur weiter warten.

Beweglich oder unbeweglich – woran erkennt man den Unterschied?

Ein agiles Unternehmen erkennt man nicht an der Anzahl der Stand-up-Meetings, sondern an seinem Verhalten in Krisen und Veränderungsphasen. Hier einige Fragen zur Selbstreflexion:

  • Wie schnell können wir Entscheidungen treffen, wenn sich Rahmenbedingungen ändern?
  • Werden Mitarbeitende ermutigt, neue Ideen auszuprobieren – oder für Fehler bestraft?
  • Gibt es Raum für Experimente, ohne dass sofort ein Business Case vorliegen muss?
  • Haben wir eine Lernkultur – oder eine Kontrollkultur?

Wenn Unternehmen ehrlich auf diese Fragen schauen, wird schnell klar: Viele sind noch auf der Warteposition – sitzen vor dem leeren Käsevorrat und hoffen auf die Rückkehr alter Zeiten.

Fazit: Agilität ist kein Zustand – sondern ein Prozess (oder ein Neuanfang)

Ein agiles Unternehmen zu sein, ist kein Etikett, das man sich einmal aufklebt. Es ist eine kontinuierliche Entwicklung, ein Ringen mit der eigenen Komfortzone, ein ständiges Beobachten und Reagieren. Manchmal ist es aber auch eine Entscheidung zur radikalen Trennung: Das Alte loslassen, um das Neue überhaupt entstehen zu lassen.

Denn nicht jedes Unternehmen kann sich verändern – aber jedes kann sich entscheiden, ob es am Alten festhält oder Platz für Neues schafft.