Bye, bye, Digitalisierung?
Jahrelang war „Digitalisierung“ das Schlagwort schlechthin. Ob in Unternehmen, Verwaltungen oder Bildungseinrichtungen – kaum ein Bereich, in dem nicht Software, Cloud oder Künstliche Intelligenz als Lösung für Effizienzprobleme und Innovationsstau gepriesen wurden. Doch inzwischen macht sich Ernüchterung breit: Immer mehr Organisationen rücken wieder von rein digitalen Strategien ab und greifen zurück auf bewährte analoge Mechanismen.
Gescheiterte Erwartungen in Unternehmen
Viele Firmen investierten Millionen in neue Plattformen, ERP-Systeme oder KI-gestützte Anwendungen. Das Versprechen: schnellere Abläufe, sinkende Kosten, steigende Umsätze. Die Realität: komplexe Implementierungen, hohe Folgekosten und Mitarbeitende, die sich von den Systemen eher überfordert als entlastet fühlten.
Ein Beispiel: Mehrere deutsche Mittelständler aus der Fertigungsindustrie haben Cloud-ERP-Systeme eingeführt, um internationaler zu skalieren. Stattdessen stiegen die Projektkosten in die Millionenhöhe, während die Umstellung jahrelang dauerte und den laufenden Betrieb erschwerte. Am Ende kehrten einige Prozesse zurück auf Excel-Basis oder Papierformulare, weil diese in der Praxis schneller und verständlicher waren.
Auch im Bereich Künstliche Intelligenz blieb der große Durchbruch bislang aus. Chatbots, die den Kundenservice revolutionieren sollten, lieferten oft ungenaue Antworten und verärgerten Kunden eher, als dass sie Supportteams entlasteten. Viele Unternehmen haben deshalb wieder vermehrt auf menschliche Ansprechpartner zurückgestellt – mit dem Argument, dass Kundennähe und Verständnis wichtiger seien als vermeintliche Kosteneinsparungen.
Eine neue Studie hat kürzlich auch herausgefunden, dass der Zeitgewinn durch den Einsatz von KI-Assistenten minimal ist und nicht den gewünschten Effekt hat. Wie geht es also weiter?
Bildungseinrichtungen zwischen Euphorie und Ernüchterung
Während der Corona-Pandemie mussten Schulen und Universitäten auf digitale Lernplattformen, Videokonferenzen und digitale Prüfungen umstellen. Zunächst schien dies ein Sprung in die Zukunft zu sein. Doch heute berichten Lehrkräfte und Studierende gleichermaßen von „Digital Fatigue“: Stundenlanges Lernen vor dem Bildschirm führte zu Konzentrationsproblemen, fehlender sozialer Interaktion und Qualitätsverlusten in der Vermittlung.
Einige Schulen im deutschsprachigen Raum haben darauf reagiert, indem sie wieder stärker auf analoge Methoden setzen: Unterricht am Whiteboard, handschriftliche Mitschriften oder gedruckte Materialien. Auch Universitäten kehren teilweise zurück zu schriftlichen Prüfungen, da digitale Lösungen zu technischen Pannen, Betrugsversuchen oder einem erhöhten organisatorischen Aufwand führen können.
Analoge Mechanismen als bewährte Stabilität
Gerade in Krisenzeiten erweisen sich analoge Strukturen oft als verlässlicher. Papierakten funktionieren unabhängig von Serverausfällen. Präsenzmeetings schaffen Klarheit, wo E-Mail-Fluten eher für Missverständnisse sorgen. Manche Banken geben nach Cyberangriffen wieder vermehrt Kontoauszüge in Papierform aus – als Sicherheitskopie, die unabhängig von IT-Risiken existiert.
Hybride Zukunft statt Schwarz-Weiß-Denken
Die Rückkehr zum Analogen bedeutet nicht, dass Digitalisierung gescheitert ist. Vielleicht sind auch wir als Menschen gescheitert? Vielleicht sind wir der Sand im Getriebe?
Es gibt unzählige Beispiele, wie die Digitalisierung Bereiche revolutioniert und beschleunigt hat – was vorher niemals für möglich gehalten wurde. Doch irgendwie gehen die positive Meldungen unter oder wir wollen sie nicht sehen.
Aber die Skepsis zeigt auch vielmehr, dass blinde Technikeuphorie ohne kritische Prüfung ins Leere laufen kann. Stattdessen zeichnet sich eine hybride Zukunft ab: Unternehmen und Bildungseinrichtungen werden analoge und digitale Methoden gezielter kombinieren. KI und Cloud dort, wo sie echten Mehrwert liefern – und analoge Stabilität dort, wo sie Vertrauen, Einfachheit und Zuverlässigkeit sichern.
Natürlich brauchen wir die Digitalisierung – in manchen Bereichen sogar noch mehr als in anderen. Man denke nur an die Behörden und den Papierkram, der damit noch immer verbunden ist. Effizienz sieht anders aus.
Für uns Dienstleister ist es aber noch wichtiger, Ziele und Vorteile klar zu kommunizieren und eher zu großen Erwartungen entgegenzutreten – auch wenn das manchmal Neugeschäft kosten kann. Nur so kann es gelingen, langfristig das Vertrauen in die Digitalisierung auf- und vor allem auszubauen.